Zügiger Buchtipp

Noch zwei Minuten bis der Zug einläuft und Tim, so nenne ich den jungen Mann seit einiger Zeit, mit dem ich jeden Freitag nach Düsseldorf fahre, ist immer noch nicht da.  Ah, da kommt er endlich, just in dem Moment, wo der HKX mit quietschenden Bremsen zu stehen kommt. Wir nicken uns freundlich zu und steigen ein. Gesprochen haben wir noch nie miteinander, doch von meiner Seite besteht schon eine gewisse Vertrautheit.

Ich versuche mir sein Leben vorzustellen. Warum fährt er immer zur selben Zeit wie ich im HKX Richtung Norden? Was macht er beruflich? Ist er verheiratet? Hat er schon Kinder? Was denkt er über die Flüchtlinge, die EU und den Brexit? Viele Fragen und keine Antworten. Doch mal ansprechen? Locker ins Gespräch kommen? Master of small talk sein?

Der Zug kommt langsam in Bewegung, nimmt Fahrt auf und erreicht sein Normaltempo. Kurz vor meinem Ziel wird er wieder langsamer und bleibt dann für einen Moment in der Nähe eines Vorortes stehen. Dies ist schon öfter passiert und ich habe wieder die Gelegenheit, mich auf ein bestimmtes Einfamilienhaus zu konzentrieren. Was mögen da für Leute wohnen? Von außen sieht alles ordentlich und gepflegt aus. Trügt der Schein? Spielen sich möglicherweise im Innern Dramen ab?

Du liest einfach zu viele Krimis, sagte mir meine Frau vor einigen Tagen. Das mag sein, erwiderte ich und empfahl ihr GIRL ON THE TRAIN von Paula Hawkins. Es ist ein psychologischer Thriller, der seinesgleichen sucht. Rachel, eine der drei Ich-Erzählerinnen, pendelt jeden Tag von Ashbury nach London, um dort angeblich zu arbeiten. Da der Zug unterwegs immer an derselben Stelle hält, hat Rachel die Möglichkeit, die Häuser und deren Bewohner genau zu beobachten und dabei konzentriert sie sich vor allem auf ein junges Paar (Rachel nennt sie Jess und Jason), das ihrer Ansicht nach ein perfektes Leben, so wie sie es sich schon immer gewünscht hat, führt.

Girl on the train

Girl on the train

Doch eines Tages beobachtet sie etwas, was ihr Leben komplett verändern wird, denn sie sieht kurze Zeit später ein Foto von Jess, die in Wirklichkeit Megan heißt, in der Zeitung und erfährt von ihrem Verschwinden. Rachel informiert die Polizei von ihrer Beobachtung und gerät dadurch in den Malstrom der Ereignisse. Doch Rachel ist nicht die einzige Erzählerin dieser Geschichte. Anna und Megan sorgen durch auflockernden Perspektivenwechsel und Flashbacks dafür, dass ein komplexer Plot am Ende des Romans zu einer für den Leser klare Lösung dieses Thrillers führt.   Die Struktur dieses gelungenen Romans erinnert an eine HKX Fahrt. Man nimmt langsam Fahrt auf, wird immer schneller bis man schließlich sicher im Bahnhof angekommen ist.

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